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Sonnig

Rund um Beethovens »Frühlingssonate«

Ludwig van Beethovens Sonate für Pianoforte und Violine Nr. 5 in F-Dur op. 24 ist als »Frühlingssonate« bekannt geworden. Dabei wissen wir gar nicht, woher dieser Name überhaupt stammt.

Andere Werke bieten da weniger Spielraum. Da ist das Frühjahr von vornherein mitgemeint.

Musik zum Frühling von Vivaldi und Schumann

Antonio Vivaldis »Vier Jahreszeiten« beispielsweise sind Konzerte für Geige und Orchester. Jedem dieser vier Konzerte hat Vivaldi ein Sonett beigelegt, das der jeweiligen Jahreszeit eine poetische Form gibt.

Auch direkt in den einzelnen Instrumentalstimmen schlägt sich das nieder: In einer Geigenpassage des Frühlings zum Beispiel sollen die Vögel singen. Anderswo schlägt der Blitz ein. Später tanzen Nymphen und Schäfer zu dudelsackartigen Klängen. Viel genauer als mit solch minutiösen Anweisungen kann ein Komponist den Musiker:innen kaum vorgeben, wie er seine Instrumentalmusik verstanden haben will. Ob wir im Publikum das dann genauso hören, ist wieder eine andere Frage.

Ein bisschen weniger berühmt als Vivaldis »Jahreszeiten«, aber genauso hörenswert ist Robert Schumanns »Frühlingssymphonie«. Schumann hat dieses enthusiastische Stück im Frühjahr 1841 komponiert. Er hat von den Frühlingsgefühlen geschrieben, die ihn bei der Arbeit begleitet haben. Inspiriert hat ihn u. a. ein Frühlingsgedicht von Adolf Böttger. Der Titel der Symphonie stammt vom Komponisten selbst.

Das heißt nicht, dass diese Symphonie buchstäblich vom Frühjahr handelt. Ursprünglich geplante Satzüberschriften hat Schumann wieder gestrichen, bevor sie hätten gedruckt werden können. Aber in ihrer Stimmung und der Idee nach hat auch Schumann in dieser Musik den Winter hinter sich gelassen.

Beethovens »Pastorale«

Vergleichbar mit dieser »Frühlingssymphonie« ist unter Beethovens Werken am ehesten seine 6. Symphonie, die »Pastorale«. Beethoven imitiert hier Naturklänge, ganz ähnlich wie Vivaldi das in seinen »Jahreszeiten« getan hat. In Beethovens Stück aber geht es vor allem um die Gefühle, die die Natur in Menschen auslösen kann.

»Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei« hat Beethoven auf die erste Seite der Partitur geschrieben. Der erste Satz schildert das »Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande«. Zwischendurch imitiert auch Beethoven Bauernmusik und ein Gewitter. Im Schlusssatz aber geht es wieder ums Gemüt, konkret um »Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm«.

Das ist also aus einer ganz subjektiven Perspektive heraus formuliert. Genau so dürfen wir auch die »Frühlingssonate« hören.

Beethovens »Frühlingssonate«

Wie die Sonate zu ihrem Namen gekommen ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Aber es mag schon sein, dass sie nach Frühlingsgefühlen klingt. Das geht los gleich zu Beginn. Hier singt die Geigenstimme in weit ausschweifenden melodischen Bögen, unbeschwert, leicht, hell. Dann wiederholt das Klavier, was die Geige vorgegeben hat.

Im Verlauf der Sonate ist nicht immer klar, wer hier eigentlich führt und wer begleitet. Wir nennen diese Sonate heute eine Violinsonate. Ursprünglich ist sie als Sonate für Klavier mit Begleitung einer Geige veröffentlicht worden. Beethoven war nicht der erste, der die beiden Instrumente gleichberechtigt behandelt hat. Aber er ist einer derjenigen Komponisten, bei denen sich der Dialog zwischen beiden Partner:innen besonders gut hören lässt.

Der zweite Satz lebt ganz vom gesanglichen Gestus, den wir vom Beginn des ersten Satzes kennen. Nur ist das Tempo jetzt viel langsamer. Diesmal fängt das Klavier zu singen an, aber so, als ob es der Geige damit die Bühne vorbereitet. Es ist ein unglaublich schönes, inniges Adagio. Mich würde es in manchen Passagen auch überzeugen, wenn es für Geige und Mandoline geschrieben worden wäre.

Wenn zum Beispiel nach den einleitenden Takten des Klaviers die Geige die Führung übernimmt, dann assoziiere ich jedes Mal einen Abend am Wasser bei einem Glas Wein. Im Hintergrund diese Geigenmelodie, für die ein Klavier meiner Meinung nach nicht die einzig stimmige Begleitung abgibt.

Aprilscherz

Mein Lieblingssatz in dieser Sonate ist der dritte, das Scherzo. Wir dürfen das geradlinig ins Deutsche übersetzen. Es ist ein musikalischer Scherz, allerdings ein ziemlich kurzer. Diese Kürze steigert noch die Verwirrung, die sich einstellen kann, wenn wir versuchen mitzuzählen: Der Satz steht im Dreiertakt, und wir könnten versucht sein, die Betonung immer auf der Eins dieses Taktes zu suchen. Aber probier das mal aus…

Falls es Dir schwerfällt, dann liegt das nicht an Dir, sondern an Beethoven. Dieses Scherzo ist wie ein Aprilscherz. Auch und gerade erfahrene Hörer:innen werden bei diesem Stück irritiert sein. Denn diese Musik hält sich in ihren Akzenten nicht sklavisch an die Schwerpunkte, die die Taktstriche vorzugeben scheinen. Stattdessen schlingert sie in provokantem Slalom um die erwartbaren Betonungen herum.

Wiedererkennen

Im Schlusssatz wird es dann wieder unkompliziert. Wenn Du genau hinhörst, wird Dir auffallen, dass die Melodie, mit der der Satz beginnt, im Laufe dieses Rondos öfter auftaucht. Nicht immer ist es genau die gleiche Melodie. Mal spielt sie die Geige, mal das Klavier. Aber sie bleibt erkennbar. Es kann Spaß machen, zuzuhören, wie Beethoven uns diese Melodie in immer neuen Anläufen näherbringt.

Vielleicht hast Du ja Lust, das einmal auszuprobieren. Was kann schon schiefgehen?

Fußnoten


Hier schreibt Karl Böhmer ausführlich zu Vivaldis »Jahreszeiten«:

https://www.kammermusikfuehrer.de/werke/1888

Der Text der Sonette findet sich hier:

https://userpage.fu-berlin.de/history1/bs/vivaldi/niemann/sonette.htm#sonf

Im Schumann-Portal informiert Irmgard Knechtges-Obrecht zu Schumanns »Frühlingssymphonie«:

https://www.schumann-portal.de/op-38.html

Das Beethoven-Haus Bonn gibt Infos und Hörproben zur »Pastorale« und zur »Frühlingssonate«:

https://www.beethoven.de/de/work/view/5758288851369984/Sinfonie+Nr.+6+%28F-Dur%29+op.+68+%28Sinfonia+pastorale%29?fromArchive=6192829114089472

https://www.beethoven.de/de/work/view/5144633755566080/Sonate+f%C3%BCr+Klavier+und+Violine+%28F-Dur%29+op.+24?fromArchive=5145131971772416

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