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Erwischte Chancen

Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 2

Zu Beethovens Zweiter bietet das Heiligenstädter Testament auf den ersten Blick einen guten Zugang: Während der Komponist an seiner heiteren Symphonie Nr. 2 gearbeitet hat, hat er sein düsteres Testament verfasst, so dachte man lange. Es wirkt daran anschließend emotional plausibel, zu fragen, wie es sein kann, dass der zutiefst verzweifelte Beethoven eine so unbeschwert wirkende Symphonie komponiert.

Er spricht in diesem deprimierenden, von Todesgedanken geprägten Vermächtnis mit Anfang 30 ausführlich von seinem schlechter werdenden Gehör. Er beschreibt, wie ihn das zwingt, Menschen zu meiden: Er erträgt ihren Umgang nicht. Gesprächen zu folgen, fällt ihm zunehmend schwerer. – In späteren Jahren hat er Hörrohre und Konversationshefte verwendet, um sich an Unterhaltungen zu beteiligen.

Inzwischen ist zwar erwiesen, dass die Zweite bereits vor dem Heiligenstädter Testament entstanden ist. Aber dieses Dokument ist ja nicht vom Himmel gefallen. Schon aus der Kompositionszeit der Zweiten gibt es Briefe, in denen Beethoven über sein Gehörleiden klagt. Dass er ausgerechnet in jenen bitteren Jahren eine Symphonie wie seine zweite schreibt, ist eine biographische Verbindung, die man herstellen kann.

Gedankenexperiment

Was aber wäre zum Beispiel gewesen, wenn Beethoven das Heiligenstädter Testament während der Entstehungszeit zur Fünften geschrieben hätte? (Tatsächlich hat er sie einige Jahre nach dem Testament komponiert.)

Auch diese Verbindung ›funktioniert‹: Sie würde sogar sehr gut passen zu einem Bild von Beethoven, das sich seit dem 19. Jahrhundert erstaunlich lange gehalten hat: Beethoven gilt, auch wegen seiner Fünften, als ein zutiefst idealistischer Komponist, der dem Schicksal titanenhaft und so heroisch wie pathetisch die düster durchfurchte Denkerstirn bietet.

Die fünfte Symphonie ist als eine Art Inkarnation des „Per Aspera ad Astra“ berühmt geworden. Sie realisiert die kompositorische Idee des „Durch die Nacht zum Licht“. Schon rein äußerlich zeigt sich diese Idee in der Wahl der Tonarten: Der erste und der dritte Satz stehen in einem düster unheimlichen c-Moll, dessen Spannung sich nach dem dritten Satz in einem triumphalen C-Dur-Jubel entlädt.

Die Fünfte in Kombination mit dem Heiligenstädter Testament, das könnte heißen: Beethoven war taub oder jedenfalls sehr schwerhörig. Er trug sich, wie er schreibt, mit Gedanken an Selbstmord. Nur die Kunst habe ihn davon abgehalten. Er komponiert weiter. Und diesem Widerstand gegen das Schicksal verleiht er in der Fünften eine existenzielle Dimension, die über sein persönliches Leben weit hinausreicht.

Charakteristisch

Das ist natürlich in dieser Kürze eine etwas platte Deutung. Und ich maße mir nicht an, damit die Fünfte fertig erklärt zu haben. Mein Verdacht ist allerdings, dass schon die Verbindung zwischen dem Heiligenstädter Testament und der Zweiten, die ja historisch gesehen ohnehin, sagen wir: nicht unmittelbar funktioniert, auf Dauer eher von der Musik ablenkt, als dass sie uns wirklich hören lässt, was in dieser Symphonie vor sich geht.

Auch historisch akkurate und noch so empathische Charakterstudien können nur sehr mittelbar beim Hören von Beethovens Musik helfen; hartnäckig sind sie halt, die überlieferten Beethoven-Bilder, und zu bekannt, um sie zu ignorieren.

Was aber letztlich weiterführt, sind Fragen, die zunächst möglichst direkt bei der Musik selbst ansetzen. Zum Beispiel die Frage, was seine Symphonien voneinander unterscheidet: Was macht sie unverwechselbar?

Die Zweite, anders als die Fünfte 

Was Beethovens Zweite von der Fünften unterscheidet, ist unter anderem die Art und Weise, wie Beethoven sich darin aufs Finale konzentriert. Während er in der Fünften den Schlusssatz mit einer gewissen Zwangsläufigkeit ansteuert, einer Unwiderruflichkeit, ist er in der Zweiten entspannter. Da ist erst einmal nichts zu spüren davon, dass der Schluss nur so und nicht anders sein könnte. Dieses Finale ist nicht unbedingt so notwendig.

In der Fünften hat Beethoven den Schwerpunkt der symphonischen Form in einer Weise verlagert, dass sich die Indizien der früheren Sätze erst im Schlusssatz zu so etwas wie einer Lösung des musikalischen Rätsels zusammenfügen; das zeigt sich beispielsweise in der spannungsgeladenen Überleitung vom dritten in den vierten Satz.

Das Ganze hat etwas Triumphales. Der Schlusssatz aus der Fünften wie übrigens auch der aus der Neunten bestätigen nicht das Rätsel, sondern sie unterstreichen die Lösung. Sie sind die Lösung.

Fermaten: Stoppzeichen der klassischen Musik

Das Finale der Zweiten dagegen ist eine kleine Komödie, mit der Beethoven sein Publikum kurz vor knapp noch einmal aus der Reserve lockt: Das wird am deutlichsten in der Coda. Auch sie ist, wie die der Fünften, ziemlich lang. Besonders markante Stellen in diesem Schlussabschnitt sind die Fermaten. Das sind plötzlich verlängerte Notenwerte, in denen die Musik für einen Moment auf einem Ton zum Stillstand kommt.

Fermaten sind so eine Art Stoppzeichen der klassischen Musik. Sie bedeuten »Stopp, (bitte) jetzt aufhören, den Takt zu schlagen«. Die Note, über der eine solche Fermate steht, wird ausgehalten, so lange, wie es musikalisch sinnvoll erscheint. Eine Fermate kann allerdings auch über einer Pause stehen.

Der klangliche Effekt von solchen Stoppzeichen über Noten ist, jedenfalls wenn die Musik ansonsten schnell und laut ist, der einer Bremsspur. Sofern die Fermate in einer Orchesterpartitur steht, ist es der Dirigent, der entscheidet, wie lange eine solche Bremsspur werden soll.

Finale

Hör Dirs an, zum Beispiel in dieser großartigen Einspielung mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi:

https://www.youtube.com/watch?v=VAnjfp7vUvA

Der Schlusssatz (er beginnt ab 25:43) arbeitet so raffiniert mit immer neuen Wiederholungen des thematischen Materials, dass es zwischendurch trotz des hohen Tempos überaus entspannend wirken kann. Aber dann…

Kurz nach Minute 30:00 fällt das Orchester fast ohne Vorankündigung direkt hinein in eine knallige Fermate. Auf sie folgt direkt eine weitere Fermate, diesmal auf einer ganz leisen Note. Und dann ist es, als würde die Fermate gar nicht mehr aufhören. Die Musik geht zwar weiter. Aber wir wissen zwischendurch nicht recht, wohin. Es wird idyllisch, dann spannend, bis Beethoven mit einer für ihn typischen klanglichen Explosion den Schluss der Coda ankündigt.

Jetzt könnte die Symphonie zu Ende sein. Aber was macht Beethoven? Er lässt die Streicher in virtuos repetitiven Läufen einstimmig dafür plädieren, dass es immer noch nicht genug ist. Die darauffolgenden Auftaktfiguren zitieren mehrfach den allerersten Auftakt, mit dem das Finale beginnt.

Und bei Minute 31.15 kommt wieder eine Fermate. Ein paar Späße später ist die Symphonie dann wirklich zu Ende.

Coda

Das Tolle am Finale der Zweiten ist, dass Beethoven es sich in dessen Coda erlaubt, aufzuhören – ohne dieses Ende als großen Triumph zu feiern. Noch kurz vor Schluss inszeniert er eine Distanz dieser Musik zu sich selbst, die demonstriert, dass sie auch anders könnte. Der Schluss der Zweiten ist, so höre jedenfalls ich das, kontingent. Er ist so nicht notwendig. Er wäre auch anders möglich.

Während das Finale der Fünften sich unausweichlich als Triumphmarsch zu verabschieden scheint, lädt zwar das Ende der Zweiten ebenfalls zum Jubeln ein. Bevor es aber so weit ist, eröffnet uns diese Symphonie kurz vor knapp noch ein paar kleine Spielräume, in denen Beethoven zu fragen scheint: Sollen wir das jetzt so zu Ende bringen? Oder vielleicht doch ganz anders?

Die Zweite ist in meinen Augen auch deswegen so wertvoll, weil sie im Finale und besonders in der Coda mit rein musikalischen Mitteln den Moment inszeniert, in dem sich eine – vielleicht schicksalhafte? – Entscheidung endgültig in ihren ersten Konsequenzen abzeichnet. Nach diesem Moment gibt es vielleicht schon kein Zurück mehr. Aber in diesem Moment, und genau so kann man den Schluss der Zweiten hören, gibt es die Möglichkeit, noch einmal durchzuatmen, Alternativen durchzuspielen, etwas zu verändern – oder eben auch durchzuziehen, was man sich ursprünglich vorgenommen hat.

Oft vergehen diese Momente schneller, als man denken würde. Und im Nachhinein ärgert man sich vielleicht über eine verpasste Gelegenheit, welcher Art auch immer sie wäre. Manchmal aber erwischt man sie – rechtzeitig. So eine erwischte Chance darf man feiern, auch im Nachhinein, und auch wenn sie keinen großen Triumph darstellt.

P. S.

Ich gehe nicht davon aus, dass es genau das war, was Beethoven uns mit diesen Symphonien eigentlich sagen wollte. Musik ist in ihren Aussagen weniger präzise als in ihren Formen und Strukturen. Das macht sie zu einem gewissen Grad offen für Fragen, ohne uns Antworten darauf zu diktieren.

Ich will auch nicht Beethovens Zweite gegen seine Fünfte ausspielen. Das hat sie gar nicht nötig. Vielleicht hast Du Lust, Dir das Finale der Zweiten mal anzuhören und zu schauen, in welchem Moment diese Musik – endgültig – zum Ende hin kippt.

Viel Spaß dabei.

Fußnoten


Entstehungs- und Uraufführungsdaten zur Zweiten (und Hinweis zum Heiligenstädter Testament):

https://www.beethoven.de/de/work/view/5208277017165824/Sinfonie+Nr.+2+%28D-Dur%29+op.+36

Unter der Leitung von Jordi Savall gibt es eine sehr empfehlenswerte Gesamteinspielung von Beethovens Symphonien, hier das Finale der Zweiten:

https://www.youtube.com/watch?v=CeLRcF_LwRQ

Lexikonartikel zu Fermate, auch bekannt unter dem Namen Corona:

https://musikwissenschaften.de/lexikon/f/fermate/

Akustik Alpensinfonie Amerika Anton Webern Arrangement Beethoven Berge Berlioz Beschleunigung Blechbläser Brahms Clara Schumann Dirigentenwettbewerb Dmitri Schostakowitsch Eric Ericson Erinnerung Finale Franui Johann Sebastian Bach Katholizismus Klavier Klavierkonzert Kommunikation Komponistinnen Leichtigkeit Lied Mahler Mahler Competition Meer Melodien Ordnung Passacaglia Pastorale Programmmusik Robert Schumann Scherzo Schubert Stille Strauss Strawinski Symmetrie Symphonie Symphonie Nr. 1 Symphonie Nr. 3 Symphonie Nr. 4 Symphonie Nr. 5 Symphonie Nr. 6 Symphonie Nr. 7 Symphonie Nr. 8 Wolfgang Amadeus Mozart

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