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Quarten

Bausteine von Mahlers 1. Symphonie

Auf ein Schreiben vom Bund Naturschutz habe ich neulich notiert: »Mahler Angeber Welt aufbauen«. Gestoßen hatte ich mich an Mahlers Aussage: »Aber Sinfonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.« Von Mahlers ›Angeberei‹ muss man sich nicht nerven lassen. Was mich an seiner oft zitierten Aussage allerdings schon länger interessiert, ist, dass er davon spricht, eine Welt aufzubauen, quasi Baustein für Baustein, nach und nach. In seiner Symphonie Nr. 1 kannst Du Mahler dabei zuhören, wie er das anstellt.

Einleitung und Vorläufer von Mahlers Symphonie Nr. 1

Zu Beginn von Mahlers Symphonie Nr. 1 hörst Du den Ton A, gleichzeitig in mehreren Oktavlagen. Am auffälligsten ist dabei wahrscheinlich das extrem hohe, fast pfeifende Flageolett in den hohen Streichern. (Ein Flageolett ist ein flötenartiger Ton. Er entsteht, wenn der Finger, der die Saite an einem proportional genau bestimmbaren Punkt greift, dort nicht fest auf ihr aufliegt.)

Das Oslo Philharmonic unter Mariss Jansons spielt Mahlers Erste live.

Aus diesem stehenden Klang schälen sich bald absteigende Quarten heraus. Und die werden zu einem prägenden Baustein für den weiteren Verlauf.

Wie Mahler seine Symphonie hier quasi aus dem Nichts beginnen lässt, das erinnert an ähnliche Verfahren z. B. in Bruckners Symphonien Nr. 4 oder Nr. 7. Und es lässt sich zurückverfolgen bis in die Tradition langsamer Einleitungen, wie sie schon bei Haydn, Mozart und Beethoven üblich waren. Auch der Anfang von Beethovens Vierter kann als ein Vorläufer des Beginns von Mahlers Erster gelten.

Ein Baustein von Mahlers Erster

Dass Mahler, der die Musikgeschichte sehr gut kannte, »mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen« möchte, ist eine Formulierung, die nicht einfacher wird, je länger man sich damit beschäftigt. Es hilft, wenn man sich nur auf einen einzigen Teilaspekt konzentriert: Das Komponieren war für Mahler, so hat er es ein anderes Mal gesagt, »wie ein Spielen mit Bausteinen, wobei aus denselben Steinen immer ein neues Gebäude entsteht.« Also doch keine Welt? Aber auch hier geht es ums Bauen.

Einer der Bausteine, die Mahler für seine Symphonie Nr. 1 verwendet, ist die vorhin schon erwähnte, nach unten fallende Quart. Die kannst Du im Video oben z. B. bei Minute 0:36 hören (im Bild die Flöten), oder bei 0:44 (im Bild das Englischhorn) und mehrfach ab ab Minute 0:54 (im Bild die Oboe). Diese letzte Stelle klingt so:

Notenbeispiel aus Mahlers 1. Symphonie, abfallende Quarten: a-e, f-c, d-b-a.
Quarten im ersten und im zweiten Takt, dann im dritten Takt eine große Terz, wobei der erste Ton des dritten Takts im Abstand einer Quart zum Ton des vierten Taktes steht.

Besonders auffällig sind später die kunstvollen Kuckucksquarten, z. B. ab Minute 1:57 (Holzbläser) und dann ein paar Mal ab Minute 2:15 (Klarinette). Es sind nicht die vielleicht aus dem Kinderlied gewohnten kleinen Terzen (Kuckuck, Kuckuck, rufts aus dem Wald…), die Mahler hier benutzt. Stattdessen brechen etwas fahle Quarten die vorgebliche Natürlichkeit des Kuckucksrufs, indem sie sich als verfremdetes Zitat dieser Stimme zu erkennen geben.

Ab ca. Minute 3:10 werden diese Quartrufe häufiger. Sie durchwandern unterschiedliche Instrumentalstimmen, bis sie schließlich den Beginn des Themas in den tiefen Streichern markieren (ca. Minute 4:05), das ebenfalls durch die Stimmen wandert.

Liedzitat

Mahler hat hier das Lied »Ging heut morgen übers Feld« aus seinen »Liedern eines fahrenden Gesellen« verarbeitet, im Video unten zu hören in einer schönen Kammerfassung:

Elisabeth Kulman singt »Ging heut morgen übers Feld«, mit Amarcord Wien.

Die Quarten im zweiten und dritten Satz

Geradezu demonstrativ verwendet Mahler die Quart als Baustein nachher auch im zweiten und im dritten Satz, jeweils bereits zu Beginn, als Pendelfigur zwischen Grundton und Dominante. (Die Dominante ist quasi das harmonische Sprungbrett, von dem aus man nirgends anders hinspringen kann als zum Grundton)

Im dritten Satz dann verarbeitet Mahler die Mollversion des Kanons »Bruder Jakob«. Vorgetragen wird dieses Thema vom Solokontrabass. Das macht dieses Kinderlied etwas ungelenk und lässt es vielleicht grob erscheinen. Aber der Bass bringt gleichzeitig eine besondere Behutsamkeit mit sich – solche Verfremdungseffekte sind typisch für Mahlers Musik. Dieser dritte Satz deutet das Kinderlied zum symphonischen Trauermarsch um. Und dabei imitiert er Klänge einer böhmischen Musikkapelle mit klezmerartigen Einfärbungen.

Die Quarten am Anfang dieses dritten Satzes spielt ganz leise die Pauke:

Die Wiener Philharmoniker unter Leonard Bernstein spielen den dritten Satz aus Mahlers Symphonie Nr. 1.

Finale

Der vierte Satz erreicht schließlich nach vielen katastrophischen Verwicklungen die strahlende Tonart D-Dur. Das ist die Tonika zur Dominante A, auf der der erste Satz begonnen hatte. (Von A nach D aufwärts liegt der Abstand einer Quarte.)

Das Gewicht dieser Symphonie liegt also auf dem Finale. In ihm melden sich die Kuckucksquarten wieder und weitere Elemente aus der Einleitung des ersten Satzes (zum Beispiel bei Minute 46:15 im obersten Video). Der Kreis beginnt sich zu schließen.

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