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Trivial? Aber wie…

Das Bassthema in Beethovens dritte Symphonie

In meiner Zeit als Musikschüler, so mit 16, 17 Jahren, hatte ich einige Jahre lang das Glück, Unterricht in Gehörbildung zu bekommen. Bei der Gelegenheit gab es immer wieder Hördiktate. Eines Tages kam unser Lehrer mit einem einstimmigen Thema an, das ich auf Nachfrage ziemlich »trivial« fand. Der Lehrer, der einen leichten Hang zum Zynismus hatte, konnte den Ansatz eines Lachens nicht ganz unterdrücken. Er hatte Verständnis für meine Meinung, teilte sie vielleicht sogar und verriet nachher, dass er uns das Bassthema aus dem Finale von Beethovens Eroica, der 3. Symphonie, diktiert hatte. Niemand von uns kleinstädtischen Musikschülerinnen und -schülern hatte das Stück erkannt. Tja.

Beethoven, Eroica, Bassthema

Beethovens Basslinie könnte auch ein E-Bassist in einer Band oder ein Kontrabassist in einer Jazzcombo zupfen. Diese Linie stellt die harmonischen Grundbausteine vor, auf denen Beethovens Finale fußt.

Dieses Bassthema hat Beethoven in mehreren Kompositionen verarbeitet: Pur hören lässt es sich beispielsweise zu Beginn seiner Eroica-Variationen (vgl. Tonbeispiel gleich unten).

Der erste Akkord kracht zwar, aber er ist eigentlich nur ein Achtungsakkord, ein lärmendes Hallo-Aufwachen, bevor es richtig losgeht. Der Teil des Themas, der mich hier zuerst einmal interessiert, folgt direkt nach diesem schmetternden Klavierakkord, hör mal auf die direkt darauffolgenden 4 Töne:

Ronald Brautigam spielt die Eroica-Variationen für Klavier solo von Ludwig van Beethoven.

Diese ersten vier Töne hätte ich in meinem Musikwissenschaftsstudium auf folgende Zahlen singen müssen: 1 – 5 – 5 – 1, wobei die erste 5 sozusagen eine hohe 5, die zweite 5 eine tiefe 5 wäre.

So sehen die ersten vier Töne notiert aus – innerhalb des gesamten Themas, das noch ein paar Takte weiterläuft – im Tonbeispiel oben wird dieses Thema zweimal hintereinander gespielt (Für die Experten: Ich notiere keinen Generalbass, sondern Tonstufen):

In dem System, an dem wir uns in diesen Singübungen orientiert haben, gab es 7 + 1 Stufen – wobei die 8. eine Wiederholung der 1. ist – nur in einer höheren Oktavlage. Deswegen hören sich die immer jeweils drei direkt übereinander notierten Töne im Notenbeispiel oben fast so an, als wäre es ein einziger.

Die Funktion der 8 fügt der 1 also nichts Neues hinzu. Deswegen ist es nicht so entscheidend, ob man nach einer 7 eine 8 oder eine 1 singt. Das ist Geschmackssache.

Die 2 ist eine 5 (ab hier wird’s tricky, sorry, aber es lohnt sich!)

Zwischen der hohen und der tiefen 5 von weiter oben liegt übrigens ebenfalls der Abstand von einer Oktave: Wäre die 5 die 1, dann hätte auch hier die 1 die gleiche Funktion wie die 8. (Anders gesagt: Die 5 bleibt funktional eine 5, egal in welcher Oktavlage.)

Wir dürfen die Tonstufen so verschieben. Denn Beethoven macht es selbst nicht anders. Das zeigt sich am letzten Ton im Notenbeispiel oben. Er ist – und ab hier wird’s etwas kompliziert – interessant deswegen, weil Beethoven hier eine kleine Rekursion in sein Bassthema einbaut:

Einige Töne vor diesem letzten Ton habe ich oben eine 2 notiert und blau eingekreist. Und diese 2 ist eine 5!

Hä???

O. K., mathematisch gesehen wäre 2 = 5 natürlich falsch. Funktionsharmonisch aber ergibt die Aussage Sinn. Hier nochmal das Notenbeispiel von oben:

Was Beethoven hier tut, ist Folgendes: Er beendet sein Thema auf der 5 (also der echten 5, die, die vorher schon die 5 war). Auch wenn Du nicht gut oder gar nicht Noten lesen kannst, kannst Du Dir das verständlich machen. Du kannst nämlich sehen, dass die Noten im dritten Takt (die zweite, tiefe 5) im Grunde genauso aussehen wie die im letzten (nur sind die Noten am Ende ausgemalt. D. h.: 5 = 5 (hier geht’s nur um die Tonhöhe und nicht darum, ob die Noten leer oder ausgemalt sind).

Aber: Zu dieser 5 im letzten Takt leitet Beethoven mit einer harmonischen Bewegung, deren entscheidender Ton der ist, unter den ich die blau eingekreiste 2 gesetzt habe. Eine 2 ist dieser Ton im Verhältnis zur 1 am Anfang. Im Verhältnis zum Ton im letzten Takt (der 5) aber steht der Ton über der 2 im gleichen Verhältnis, wie die 5 zur 1 in den Takten drei und vier.

Rekursion und Doppeldominante

Einfacher gesagt: Die 2 wirkt dann als eine 5, wenn Du die 5 im letzten Takt vorläufig als eine 8 deutest – so, wie Beethoven das in diesem Thema tut. Man nennt das in der Funktionstheorie der Harmonik Doppeldominante: eine Dominante zur Dominante – eine 5 zur 5, wobei die letztere von der ersten 5 aus gesehen eben keine 5 ist, sondern eine 8.

Letztlich wiederholt Beethoven hier rekursiv, was er in den ersten vier Tönen seines gar nicht so trivialen Themas schon vorgeführt hatte: eine Bewegung von der Dominante (der zweite und der dritte Ton, die 5) zur Tonika (der 1, im ersten und vor allem dann im vierten Takt).

Hörbeispiel: Das Finale aus Beethovens 3. Symphonie

Zurück auf sicheren Boden geht es, wenn das Bassthema wiederholt wird. Im Hörbeispiel oben wurde es am Anfang ja direkt zweimal hintereinander gespielt. Und auch in Beethovens 3. Symphonie selbst ertönt dieses Bassthema zweimal. (Und dann noch viel öfter.)

Entscheidend ist der Sprung vom letzten Ton im Notenbeispiel zurück zum ersten: Denn hier wird der Ton, den ich oben als ›vorläufige 8‹ bezeichnet habe, direkt wieder zur 5. Und woran hörst Du das? Daran, dass er als 5 wieder zur 1 überleitet, die ganz am Anfang des Bassthemas steht – im sehr feinen Hörbeispiel unten passiert dieser Übergang ca. in den Sekunden 00:23 und 00:24:

Das Finale aus Beethovens 3. Symphonie. Es spielt die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Dirigent: Paavo Järvi.

Vielleicht hast Du Dich gefragt, warum ich eigentlich immer wieder von einem Bassthema gesprochen habe, obwohl doch in den Notenbeispielen, das Thema auf drei Notenebenen, also in drei Stimmen gespielt wird: im Bass und in den darüber liegenden Stimmen.

Die Antwort bekommst Du, wenn Du im Beispiel unter Paavo Järvi (direkt hier oben) ab Minute 1:56 genau hinhörst: Die schöne Melodie, die Beethoven hier komponiert hat, lässt er nämlich genau von dem Thema im Bass begleiten, das er zu Beginn der Symphonie allein präsentiert hatte.

Dieses Thema wird, bevor es zur Begleitung wird, immer wieder gespielt, und zwar so demonstrativ häufig, dass ich mich nie getraut hätte, das trivial zu finden, wenn ich damals in der Musikschule gewusst hätte, dass das besagte Bassthema vom großen Beethoven höchstpersönlich in die Welt gesetzt worden ist.

Tipp zur Entspannung

Eine entspannende Weise, das Finale der Eroica anzuhören, ist, einfach zu genießen, wie Beethoven sein Bassthema immer wieder neu einfädelt – übrigens genau durch das oben beschriebene Spiel mit einer Doppeldominante kurz vor Schluss – und in unterschiedlichen Konstellationen zur Geltung bringt. Es ist eine der raffiniertesten Dauerschleifen, die ich kenne. Und eine der ungezwungensten und schönsten.

Viel Spaß dabei!

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