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Kunst und Konzilianz

In seinem Buch Vom Unsinn des Sinns oder Vom Sinn des Unsinns bietet Paul Watzlawick eine kurzweilige und witzige Einführung in Denkfiguren aus Systemtheorie und Radikalem Konstruktivismus.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Letzterer behauptet, zugespitzt gesagt, dass wir die Wirklichkeit immer nur in jenen Momenten erahnen können, in denen unsere Konstruktionen, in denen wir bis dahin die Wirklichkeit zu erkennen glaubten, nicht mehr funktionieren:

Ein Beispiel dafür ist der Moment, in dem ich ein Ziel erreiche, nur um festzustellen, dass ich mir das eigentlich ganz anders vorgestellt hätte. Das passiert einerseits laufend: Das Eis schmeckt weniger lecker, als es aussieht. Andererseits ist das dann nicht so trivial wie im vorigen Beispiel, wenn es beim Ziel, um das es geht, um mehr geht als um Eis.

Eine Konstruktion, die besser passt

Paul Watzlawick war Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler. Und er hat sich in seinen populärwissenschaftlichen Büchern unter anderem ausführlich dafür interessiert, wie Menschen es schaffen, sich selbst im Weg zu stehen. Eine Fundgrube dafür liefert er in seiner berühmten Anleitung zum Unglücklichsein.

In seiner therapeutischen Arbeit geht er nicht davon aus, den Menschen, denen er helfen kann, die Wahrheit zu vermitteln. »Ich kann ihnen«, schreibt er stattdessen, »nur eine andere Konstruktion vermitteln, die eventuell besser paßt«.

Praktische Rechtfertigung

Gegen Ende von Vom Unsinn des Sinns… verteidigt Watzlawick den Radikalen Konstruktivismus gegen alle, die ihn für eine »aufgewärmte Form des Nihilismus« halten.

Da der Konstruktivismus sich in seiner erkenntnistheoretischen Dimension nicht auf Wahrheit verlässt, sondern insgesamt eher auf Brauchbarkeit, ist es wenig überraschend, dass Watzlawick nicht dessen Wahrheitsgehalt verteidigt, sondern die Brauchbarkeit des Konstruktivisimus praktisch begründet:

Drei Eigenschaften schreibt Watzlawick Menschen zu, sofern sie tatsächlich zu der Einsicht kämen, die eigene Wirklichkeit selbst zu konstruieren: Solche Menschen wären frei, da sie ihre Wirklichkeit auch umbauen könnten. Sie wären verantwortlich, weil die eigene Konstruktion der Wirklichkeit das eigene Handeln begründen würde und nicht äußere Zwänge durch Sachen oder Menschen. Und solche Menschen wären zutiefst »konziliant«, also versöhnlich, nachsichtig oder zumindest sozialverträglich, da sie jederzeit um die prinzipielle Konstruiertheit von Wirklichkeiten wüssten.

Achtung, Kunst

Direkt nachdem er diese drei vielleicht utopischen Eigenschaften benennt, leitet Watzlawick die Schlusspassage seines Buchs ein, und zwar mit folgenden Worten:

»Aber wir alle erleben gelegentlich kurze Momente, die irgendwie eine ganz besondere Bedeutung für uns haben können. Das Gesicht einer Katze. Oder die erste dünne Mondsichel am Abendhimmel. Oder ein Klavierkonzert. Ich glaube, das sind Wahrnehmungen oder Erlebnisse, in die wir nichts hineinlesen können, denn sie sprechen für sich. Wir sind plötzlich mit einer anderen Wirklichkeit als unseren Zuschreibungen von Wirklichkeit konfrontiert.«

Paul Watzlawick: Vom Unsinn des Sinns oder Vom Sinn des Unsinns. München: Piper 2005, S. 81.

Watzlawick führt es nicht genauer aus. Aber er scheint selbst einem Klavierkonzert unter Umständen eine konstruktive Funktion zuzugestehen. Sofern wir das eben so erleben, können »wir alle« zum Beispiel an ihm wahrnehmen und erleben, wie eine Wirklichkeit, die nicht unserer eigenen entspricht, für sich selbst spricht – ohne dass wir in solchen Momenten in unsere Wahrnehmungen und Erlebnisse dieser Wirklichkeit etwas hineinlesen könnten, was sich unseren Zuschreibungen fügt.

Soll ich jetzt meinen Beruf aufgeben?

Wenn ich mich jetzt frage, wofür es dann Musikredakteure braucht, die versuchen, brauchbare Einführungstexte zu klassischen Musikstücken zu schreiben, dann sehe ich zumindest zwei mögliche Antworten:

Die defensive und etwas museale Antwort wäre, zu sagen, dass es mir ja nicht darum geht, etwas über die Wahrnehmung und Erlebnisse der Menschen im Publikum zu schreiben, sondern über die Musikstücke selbst.

Die interessante Antwort ist, dass es im Schreiben über Musik letztlich auch darum gehen könnte, Musikhörer:innen dabei zu helfen, die Musik zu sich selbst in Beziehung zu setzen – und sei es dadurch, dass der Text über Musik im Beschreiben der Musik auf brauchbare Art danebenliegt oder auf konstruktive Weise scheitert.

5 Katzen auf und um eine Klaviatur, über den Tasten lehnt ein doppelseitiges Notenblatt mit der Überschrift "Katzenfuge"
Carl Reichert: Katzenfuge,
Public domain, via Wikimedia Commons

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