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Unermüdlich

Beethovens siebte Symphonie

Beethovens siebte Symphonie gehört zur Reihe der ungeraden und damit zu den berühmteren seiner neun Symphonien. Da ist Beethovens Erste, die nicht ganz unbekannt, aber weniger bekannt ist als die Dritte, weniger berühmt als die Fünfte (Ta-ta-ta-taa!) und später die Neunte – sie spätestens kennt wahrscheinlich wirklich fast jede:r, die oder der auch nur entfernt einmal mit klassischer Musik zu tun hatte.

Anders als diese Neunte mit ihrer Vertonung von Schillers Ode »An die Freude« aber hat die Siebte kein außermusikalisches Thema – anders auch als die Dritte, mit dem Beinamen »Eroica«, wobei keineswegs geklärt ist, wer mit dem im Titel genannten »Helden« dieser Dritten gemeint ist.

Anders als die Fünfte setzt die Siebte auch keine Idee in Musik – was auch immer genau die Idee der Fünften ist, so deutlich sie uns beim Hören greifbar scheinen mag. Ihr unter Eingeweihten verpönter Beiname »Schicksalssymphonie« weckt zwar nicht unplausible Assoziationen. Inwieweit Beethoven mit diesem Beinamen aber heute selber einverstanden wäre: Wer weiß? Anders als die Sechste, die »Pastorale«, hat die Siebte kein Programm.

Wie schon seine Erste, Zweite, Vierte oder nachher seine Achte ist Beethovens Siebte absolute Musik. Das ist Musik, die sich in ihren Formen auf allen Ebenen selbst genügt. Die Frage danach, was diese Musik im Einzelnen konkret bedeutet, ist ihr nicht fremd. Aber sie ist ihr äußerlich. Anders als Programmmusik kann absolute Musik für sich selbst stehen – losgelöst von ihr äußerlichen Inhalten, die in einer anderen als ihrer ihr eigenen Sprache geäußert und ihr zugeschrieben werden.

Von der Einleitung ins Vivace

An Beethovens siebter Symphonie kannst Du besonders deutlich hören, wie dieser Komponist aus einzelnen Motiven und deren immer wieder neuer Wiederholung eine geradezu unermüdliche Energie erzeugt.

Eine langsame Einleitung haben unter Beethovens Symphonien auch die erste, zweite und vierte. Die der siebten ist die längste und gewichtigste von allen diesen Einleitungen. Der Übergang von der Einleitung in den schnellen Teil des Kopfsatzes wird unten im Video spätestens ca. ab Minute 3:00 vorbereitet.

Nach und nach kristallisiert sich dann ein Ton heraus, auf den sich das Geschehen konzentriert, es ist ein e, Grundton der Dominante zu A-Dur, der Tonart der Symphonie.

Beethoven lässt die Holzbläser diesen Ton so oft wiederholen, dass allein die Wiederholung schon für Spannung sorgen würde. Dazu kommt aber eine unauffällige harmonische Entwicklung, ganz lapidar, die den Ton vom Grundton der Dominante in die Quint des Grunddreiklangs überführt. Diese Umdeutung geschieht sehr spät. Lange hängt dieser Ton harmonisch ein bisschen in der Luft. Ein Ton, ohne zusätzliche Harmonie, wohin soll der führen? Man weiß es nicht, bis ab Minute 3:42 unter dem e das cis und kurz darauf der Grundton a ertönt.

Rhythmisch passiert etwas, das diese Entwicklung noch unterstützt und vorantreibt: Während bis Minute 3:30 das Geschehen fast zum Stillstand zu kommen scheint, hören wir ab Minute 3:32 erste Punktierungen, die sich ab Minute 3:39 zügig wiederholen und wie nahtlos in den schnellen Teil überleiten.

Dort angelangt, verlängert Beethoven die punktierte Note des Motivs schließlich um drei Schläge: Im 6/8-Takt dieses Vivace-Teils hören wir also eine Note von viereinhalb Schlägen, dann eine Sechzehntel und noch eine Achtelnote, besonders laut, deutlich und nicht nur einmal unten ab Minute 4:10.

Es bleibt ein Motiv aus drei Tönen. Aber es ist nicht mehr dasselbe.

Manfred Honeck dirigiert Beethovens siebte Symphonie. Es spielt das hr-Sinfonieorchester.

Energie durch Wiederholung

Mein Freund und Kollege Marcus Imbsweiler hat hier eine kurze Werkeinführung zu Beethovens siebter Symphonie geschrieben. Er geht dabei auf den Kontext der Uraufführung, aber auch auf die sich wiederholenden Motive ein: »[e]in punktiertes Motiv im ersten Satz, ein Schreitrhythmus im zweiten, eine Auftakt- bzw. eine Drehfigur in den Schlusssätzen – das sind die Elemente, aus denen Beethoven Themen formt«.

Die sich wiederholenden Motive in dieser Symphonie bleiben nie dieselben. Sie verändern sich, teils relativ auffällig, wie oben beschrieben, teils weniger gut wahrnehmbar. Aber auch ihre Kontexte ändern sich. Und durch ihre dauernde Wiederholung entwickelt sich schließlich im Bewusstsein der Hörer:innen fast unausweichlich die Erinnerung daran, dass diese Motive nicht zum ersten Mal ertönen.

Was sich beim Hören dieser Symphonie auch heute noch aufdrängt, ist ihre überwältigende Bewegungsenergie. Die scheint in ihren Wiederholungen wie auf der Stelle zu treten. Gleichzeitig aber deuten die Veränderungen in den Wiederholungen die Möglichkeit einer Veränderung im Großen an. Ein Richtung gibt Beethoven dabei nicht vor. Aber die Energie ist da. Unermüdlich!

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