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Mal kurz Ruhe

Benjamin Brittens Moonlight aus den Four Sea Interludes

Manchmal merkt man erst, dass ein Moment Ruhe guttun würde, wenn man ihn plötzlich selbst erlebt. So ging’s mir jedenfalls neulich, als ich mich wegen eines Schreibauftrags mit den Four Sea Interludes von Benjamin Britten beschäftigt und darin das Stück mit dem Titel Moonlight für mich entdeckt habe.

Oft lasse ich die Stücke, über die ich zu schreiben habe, während der Recherche schon im Hintergrund laufen – um Zeit zu sparen. So auch diesmal. Es ist Vorweihnachtszeit, die ist in diesem Jahr noch kürzer als sonst.

Manchmal mache ich den Fehler und denke, so nebenbei zuzuhören lohnt sich, dann muss ich die Stücke nachher nicht mehr anhören. Stimmt natürlich nicht, jedenfalls nicht, wenn ich meinen Job ernstnehme.

Klassik nebenbei hören und kurz zu Peter Grimes

Ich denke, der Grund, warum sich Musik, und speziell klassische Musik, so gut nebenbei hören lässt, ist ein anderer. Auch so nebenher wirkt sie schon, aber eher untergründig und nur am Rande bemerkt. Das ist eine ganz eigene Form der Wirkung von Musik, die, meiner Erfahrung nach, ganz anders funktioniert als das aufmerksam-konzentriert-bewusst-wiederholte Zu- und Hinhören, das oft das Ziel hat, mehr aus der Musik herauszuhören als nur Stimmungen – so schön und bereichernd solche Stimmungen allein auch schon sind!

Wirklich einprägsam für mich ist eigentlich immer erst der – weder plan- noch vorhersehbare – Moment, in dem die Aufmerksamkeit sich plötzlich verschiebt und in dem ich merke, o wow, das ist – ja, wie ist das eigentlich? Und dann hör ich mirs nochmal an, ich höre genauer hin. Und es ist wirklich schön. Das war mir vorher gar nicht aufgefallen.

Die Four Sea Interludes sind Stücke aus Benjamin Brittens sehr erfolgreicher Oper Peter Grimes, uraufgeführt 1945. Es sind, wie es der Titel schon andeutet, Zwischenspiele innerhalb der Oper, die das Meer zu ihrem Thema haben.

Peter Grimes, die Hauptfigur der Oper, ist ein Fischer, der unter Verdacht steht, seine Lehrlinge zu ermorden. In der Kleinstadt, in der er lebt, hält einzig Ellen Orford zu ihm. Peter Grimes aber ist im Lauf der Oper zunehmend isoliert. Er bleibt ein Außenseiter und scheitert daran, sich Gehör zu verschaffen. Am Ende fährt er aufs Meer hinaus und versenkt sich und sein Boot dort selbst.

Britten hat diese Rolle auch mit der Tenorstimme seines langjährigen Lebensgefährten Peter Pears im Ohr geschrieben. Die Oper gilt heute, so liest man häufig, als bedeutendste englische Oper seit Purcells Dido and Aeneas, die 250 Jahre vor Peter Grimes entstanden ist.

Benjamin Britten in den Jahren der Arbeit an Peter Grimes und den Four Sea Interludes (inkl. Moonlight)
Benjamin Britten in den 1940er Jahren

Mondlicht auf Nordseewellen

Die Four Sea Interludes hat Benjamin Britten selbst als eigenständige Orchesterstücke im Konzert dirigiert. Und als Meeresmusik können sie ebenso gut für sich stehen wie beispielsweise Wagners Ouvertüre zu Der fliegende Holländer oder Claude Debussys La mer.

Moonlight von Benjamin Britten ist das dritte der Four Sea Interludes. Die Ruhe in Moonlight klingt trügerisch, vielleicht. Aber manchmal muss man nehmen, was man kriegt.

Howard Posner hat in einem Text für das Los Angeles Philharmonic treffend Folgendes an Moonlight beobachtet:

»It is an unsettling blend of motion and stasis, built around the ›second inversion‹ chord (a major chord with the fifth at the bottom), which in traditional harmony is a consonance that functions like a dissonance because it doesn’t feel at rest. In classical concertos, it’s the chord on which everything pauses for the cadenza before the end, and it retains a feeling of penultimate-ness. Stringing many such chords together creates a feeling of instability.«

Posner liefert eine analytische Erklärung dafür, warum die Ruhe, so schön sie ist, wie erwähnt, auch etwas trügerisch wirkt. Neben der Mischung aus Bewegung und Stillstand ist es die von Britten hier häufiger verwendete zweite Umkehrung des grundlegenden (Dur-)Akkords, die einen Eindruck von Instabilität hervorruft. Es ist halt das Meer.

Wie Posner u. a. ausführt, unterscheiden sich die Töne von denen der Grundstellung nur dadurch, dass zweimal der jeweils unterste Ton um eine Oktave nach oben versetzt worden ist: in Es-Dur also von Es-G-B hin zu G-B-Es hin zu B-Es-G.

Moonlight von Britten: Einfacher zu lesen oder zu hören?

Unten in der Partitur gleich zu Beginn von Moonlight lässt sich das lesen: Das Stück steht in Es-Dur, beginnt auch so, allerdings mit der Quinte B im Bass (tatsächlich ganz unten im untersten Notensystem in der Kontrabassstimme, außerdem im Kontrafagott).

Die Terz G spielen u. a. die Celli.

Und den Grundton Es lässt Britten klanglich interessant von den Bratschen und Hörnern spielen. Beide Instrumente haben einen Klang, der sich hervorragend mit den anderen Instrumenten mischt. Und in diesem Fall würde ich sagen, ist der Eindruck der, dass der Grundton gegenüber der leichter zu hörenden Terz ein wenig in den Hintergrund tritt – was den Eindruck von Instabilität noch einmal zusätzlich verstärkt.

Besonders schwer zu hören finde ich die tiefe Quint. Aber vielleicht liegt das an meinen mäßigen Laptoplautsprechern. Aber es ist ja sowieso nur der erste von mehreren Akkorden mit der Quint im Bass.

So oder so: Moonlight von Benjamin Britten ist ein fein komponiertes, sehr gelungenes und außerdem wunderschönes Stück – das man natürlich auch einfach nebenher hören kann oder ohne mitzulesen immer wieder nur mit wachen Ohren.

Das Official Score Video zu den Four Sea Interludes von B. Britten, es spielt das Cincinnati Symphony Orchestra unter Paavo Järvi.

In der Oper folgt nach Moonlight Tanzmusik. Das vierte der Four Sea Interludes trägt den Titel Storm.

Der Trubel kann weitergehen.

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