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Hochkultur existenziell

Franui seit 30 Jahren – II

Franui, die Osttiroler Musicbanda, feierte Mitte August mit einem Festival in der Nähe von Innervillgraten ihr 30-jähriges Jubiläum. »Wer es noch nicht weiß«, hieß es im Programmheft: »Alles, was über 1670 m Meereshöhe geschieht, zählt ohne weiteres zur Hochkultur.« Und da die Unterstaller Alm, wo das dreitägige Festival stattfand, auf 1673 m liegt, war dort neulich also eindeutig Hochkultur zu spüren.

Klangwelt

Bekannt geworden ist Franui u. a. durch Bearbeitungen von Liedern Franz Schuberts, Gustav Mahlers oder neuerdings Georg Kreislers. Im Ohr bleiben die Arrangements der Musicbanda wegen der wundervoll eigenartigen Klangwelt, die Franui pflegt. Inmitten der Berge wirkt sie ganz besonders einprägsam:

Sanftseidig glanzvolle Blechbläser evozieren die Tiroler Blaskapellenkultur. Dazu passen erwartungsgemäß die virtuosen Klarinetten. Den Sound würzt das durchsetzungsfähige Saxophon, das sich mit Sologeige und Akkordeon auf ungewohnte Art und Weise mischt, zumal Hackbrett, Harfe und Zither originell dazwischenfunken.

Unter dem Label Volksmusik lässt sich das kaum vollumfänglich beschreiben: Alle treffen sich und spielen großartig zusammen irgendwo zwischen exquisiter Stubnmusi, Klavierlied, Dixielandjazz, Kirchenchor, Blaskapelle und symphonischer Orchestermusik.

Ende und Anfang – Hochkultur im Dorf

Den zweiten Tag des Jubiläumsfestivals habe ich miterlebt. Leider nicht dabei war ich am ersten und am letzten Tag. Schon die Eröffnung des Festivals hätte ich sehr genossen. Mit Franui auf der Bühne stand dabei der Tiroler Schauspieler Tobias Moretti.

Dazu hieß es im Programmheft:

»Mit Tönen und Texten rufen sie die Natur an, wie sie beispielhaft in aller Pracht und Herrlichkeit auf der Unterstaller Alm zu erleben ist. In der Naturbetrachtung, das spürt jedes Kind, liegen neben aller Schönheit auch Verderben, Tod und Untergang. Mit Texten von Heine bis Enzensberger und der Neuinterpretation romantischer Lieder entsteht ein beeindruckendes Landschaftspanorama über Anfang und Ende, Werden und Vergehen, Sein und Nichtsein.«

Ursprünglich gegründet hatte sich Franui im Jahr 1993 als »Haus- und Hofkapelle des Festivals ›Villgrater Kulturwiese‹«. Das Festival war allerdings nicht bei allen Einheimischen gern gesehen. Bald gab es Zoff.

Wer auf dem Dorf groß geworden ist, kann sich das vermutlich vorstellen: Plötzlich entsteht da eine Öffentlichkeit, die keiner der Alteingesessenen mehr sofort versteht. Die nahe Umgebung verändert sich – nicht stark zwar, aber doch. Den meisten ist das relativ egal. Eine Mehrheit freut sich vielleicht.

Wenige aber randalieren. Im Fall der Villgrater Kulturwiese war es am Ende leider so, dass jemand einen Heustadel in Brand steckte, der künftig als Festivalsitz hätte dienen sollen; das war das Aus für das Festival, nicht aber für dessen Haus- und Hofband.

Franui und Gustav Mahler

Die Banda ist seither bei renommierten Kulturfestivals und in berühmten Konzertsälen zu Gast, dort also, wo ansonsten Brahms, Schubert, Mahler etc. im Original gespielt werden. Zu den Freundinnen und Weggefährten, mit denen Franui auf der Bühne steht, gehören einige herausragende Musiker:innen aus der Klassikszene, darunter Sänger, aber auch Rezitatoren wie die inzwischen verstorbenen Hans Magnus Enzensberger oder Peter Simonischek.

Typisch für Franui ist das Understatement, mit dem die Banda auf sich und die Welt schaut, vgl. nur den CD-Titel zum 25-jährigen Jubiläum: Ständchen der Dinge. Und ähnlich charakteristisch ist der rabenschwarz zärtliche Humor, mit dem diese Musikkapelle Werden und Vergehen begleitet:

»Wenn du einen Trauermarsch viermal so schnell spielst, wird es eine Polka«, weiß die Musicbanda. Es muss ja weitergehen.

Diese Leichtigkeit, mit der Franui sich auch den letzten Dingen widmet, harmoniert, denke ich, ganz besonders gut mit der Musik von Gustav Mahler.

Trauermärsche zum Beispiel hat ja auch er geschrieben, und eben traurige Lieder und insgesamt Musik, die aus ihrem Weltschmerz kaum herausfindet, außer mit ganz großen Triumphgesten in den Schlusssätzen mancher seiner Symphonien, Gesten, an die Mahler aber wohl, anders als an Hoffnung und Traum, selbst nicht ganz geglaubt hat.

Franui stattdessen teilen zwar Mahlers genauen Blick fürs musikalische Detail. Aber sie pflegen eine andere Klangkultur und einen anderen Humor. Sie schauen mit anderen Augen aufs große Ganze. Und genau von diesem Kontrast leben ihre eigenwilligen Anverwandlungen von Mahlers Liedern, die mit seinen Symphonien mindestens den tragisch sehnsüchtigen Ton teilen, in dem Mahler dem Leiden an der Welt seinen unverwechselbaren Ausdruck gegeben hat.

Ein Falott in Mahlers Urlicht

Viele von Mahlers Liedern erinnern an die Vergänglichkeit. In seinem berückend schönen Lied Urlicht geht es um die Sterblichkeit des Menschen, ja das Sterben selbst und den Weg in den Himmel. Der Text ist anonym überliefert in Achim von Arnims und Clemens Brentanos Sammlung Des Knaben Wunderhorn.

Mahler hat das Lied in einer Orchesterversion als vorletzten Satz seiner zweiten Symphonie verwendet. Dort ist es dramaturgisch klug platziert. Es ist der vorletzte Satz. Im letzten Satz dieser Symphonie singen dann Chor und Gesangssolistinnen von der Auferstehung. Daher der Titel: Auferstehungssymphonie.

Der Text von Urlicht in Kombination mit Mahlers Musik ist ergreifend, wahrscheinlich gerade weil er passagenweise existenziell kindlich wirkt, so zum Beispiel, wenn das lyrische Ich vom Engel spricht, der es abweisen will. Dabei will dieses Ich doch zurück zu Gott. (In der Aufnahme unten versteht man den Text sehr gut.)

»Ich bin von Gott, ich will wieder zu Gott«, so lautet diese Zeile. Aber in der Version von Franui gibt es eine kleine Textänderung. Da heißt es stattdessen: »Ich bin ein Falott, und ich bleib ein Falott, ach Gott, sapperlott.«

Ein Falott ist ein Gauner oder Gangster. Und so wie das im Lied unten gesungen wird, habe ich das Gefühl, dass der Gauner sich beim Engel beklagt, wieso er sich denn vor Gott – immerhin dem Allmächtigen! – als jemand vorstellen sollte, der er nicht ist. Das bringt doch nichts! Er ist eben ein Gauner. Warum soll Gottes Gnade nicht auch für ihn gelten?

Franui spielt Mahlers Urlicht, es singt der Bariton Daniel Schmutzhard.

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