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Schicksal und Erinnerung

Piotr I. Tschaikowskis Symphonie Nr. 4

Wir sind im Konzert. Es ist schön. Hübsch leise beginnt der langsame Satz und der geschäftige Herr in der zweiten Reihe merkt, dass er sein Smartphone noch auf lautlos stellen muss. In Reihe drei klingelts schon. Die Dame mit dem Hustenreiz in Block C greift routiniert auf ihre eiserne Bonbonreserve zurück. Das Knistern und das Klingeln nerven allerdings nicht nur die Sitznachbarn.

Wer ins Konzert geht, bekommt mehr als nur Musik. Jedes Konzert ist anders. Kein Publikum gleicht dem nächsten. Und vor allem erlebt jede:r beim Musikhören etwas Eigenes.

Tschaikowski erklärt Programmmusik

Der russische Komponist Piotr I. Tschaikowski hat die Ansicht geäußert, dass im Grunde jede Musik ein Programm hat, eine Art innere Handlung. Er bezieht sich dabei zwar auf das Komponieren von Musik. Aber seine Unterscheidung kann auch zu verstehen helfen, was wir erleben, während wir guter Musik zuhören:

Als objektive Programmmusik hat Tschaikowski in einem Brief an Nadeshda von Meck diejenige Musik bezeichnet, die aufgrund oder zur Illustration eines äußeren Anlasses entstanden ist. Musik, die diese Bedingung erfüllt, wären z. B. die Tondichtungen von Richard Strauss. Thema einer solchen Musik kann alles Mögliche sein, bspw. eine Bergwanderung. Oft liegen solcher programmatischer Musik literarische Texte zugrunde.

Subjektive Programmmusik dagegen ist laut dem erwähnten Brief Tschaikowskis jene, die einer Art innerem Programm des Komponisten folgt:

Dabei »schildert er Gefühle der Freude und des Leides, kurz, den Zustand seiner Seele, wie das auch der lyrische Dichter tut. Ein richtiges Programm wäre hier natürlich überflüssig, ja sogar unmöglich.«

Es klingt paradox: Die Musik hat ein Programm. Aber ein solches Programm ist eigentlich unmöglich. – Wie jetzt?

Töne – Worte – hin und her

Zwischen Worten und Tönen klafft eine Lücke: Wer zum Beispiel »Ich liebe Dich« sagt, und dabei innerlich mit den Augen rollt, erfüllt vielleicht gerade noch die Erwartungen. Aber wer das »Ich liebe Dich« ohne Worte vertont, wird eventuell von vornherein nicht verstanden, weil die Worte nicht einfach in Töne zu übersetzen sind – außer man einigt sich stillschweigend auf ein gemeinsames Gefühl; wird schon stimmen…

Umgekehrt die Töne in Worte zu übersetzen, das hat seiner Brieffreundin und Mäzenin Nadeshda von Meck zuliebe Piotr I. Tschaikowski getan. Er hat ein recht ausführliches Programm formuliert, das er in seiner vierten Symphonie verarbeitet haben will.

Tschaikowski kapituliert beim Übersetzen

Es ist ein relativ ausführlicher, sehr ergiebiger Text, hier in engl. Übersetzung nachzulesen. Tatsächlich kann er einen guten Zugang zu Tschaikowskis Vierter eröffnen. Ich selber bin allerdings erst auf den Text gestoßen, als ich die bloße Musik dieser Symphonie schon oft gehört hatte und fast immer gern.

Ich greife hier nur heraus, was Tschaikowski am Anfang seiner Beschreibung äußert. Die Introduktion der Symphonie enthalte die grundlegende Idee des Ganzen:

»Das ist das Fatum«, schrieb Piotr I. Tschaikowski über die gebieterische Bläserfanfare zu Beginn, »die verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück verhindert und eifersüchtig darüber wacht, dass Glück und Frieden nie vollkommen und wolkenlos werden, eine Macht, die wie ein Damoklesschwert über unserem Haupte schwebt und unsere Seele unentwegt vergiftet. Sie ist unbesiegbar, nie wird man sie überwältigen.«

Der junge Mariss Jansons dirigiert das Oslo Philharmonic in einer Aufführung von Tschaikowskis Vierter.

Tschaikowski selbst hat im Brief an Nadeshda von Meck das Programm, wie er es skizziert hat, als vage und unvollständig bezeichnet. Im P. S. äußert er sich sogar entsetzt über das, was er da geschrieben hat. Er fand es nach neuerlicher Lektüre inkohärent und unzureichend. Die Töne in zusammenhängende und klare Worte zu übersetzen, ist ihm, so schreibt er, unmöglich.

Ich glaube trotzdem, dass das von ihm formulierte Programm als eine mögliche Hörhilfe zum Einstieg gut geeignet ist: Schon den Gegensatz zwischen der harten Realität, die das Schicksal unbarmherzig verkündet, und den sanft verträumten Melodien im ersten Satz hat Tschaikowski sehr plastisch und nachvollziehbar beschrieben, aber auch die bittersüße Melancholie des zweiten Satzes.

Er sei zutiefst niedergeschlagen gewesen, als er im Winter diese Symphonie zu Papier gebracht habe, so schreibt Tschaikowski an Nadeshda von Meck. Und was er zum Ausdruck zu bringen versucht habe, sei ein »Echo« seines damaligen Seelenlebens, nicht dieses Gefühlsleben selbst.

1877 – das Jahr der vierten Symphonie

Um die Voraussetzungen von Tschaikowskis Gefühlsleben zu verstehen, muss man sich das schicksalhafte Jahr vergegenwärtigen, in dem Tschaikowski dieses Stück komponiert hat:

1877 war für ihn so belastend wie richtungsweisend. Tschaikowski war Professor in Moskau und entwickelte sich zu einem der führenden Komponisten Russlands. Geschätzt war er auch in Europa und den USA.

Aus einer Art Pflichtgefühl seiner Familie gegenüber hatte er sich im Sommer dazu entschlossen, eine frühere seiner Studentinnen zu heiraten, Antonina Miljukova – obwohl Tschaikowskis Homosexualität ein offenes Geheimnis war.

Homosexualität stand damals unter Strafe, wurde aber nicht streng geahndet. Für Unsicherheit sorgte das natürlich trotzdem. Tschaikowski stand damals unter großem psychischem Druck. Es war wohl gerade auch seine herausgehobene gesellschaftliche Stellung, die ihn dazu bewog, sich durch eine Heirat in der russischen Gesellschaft weiter etablieren zu wollen.

Warnungen von Freunden, denen die Heirat überstürzt schien, war er in dieser Phase seines Lebens nicht zugänglich. Seiner zukünftigen Ehefrau gegenüber wollte er hinreichend deutlich gemacht haben, dass er eine rein »brüderliche« Beziehung wünsche.

Bald nach der Hochzeit aber empfand er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen seine Ehefrau. Die Ehe hielt, obwohl sie nie geschieden wurde, letztlich kaum drei Monate und endete auch deswegen in einem tiefen Zerwürfnis, weil ihm Antonina Miljukova zu ihrem Unglück letztlich nicht besonders sympathisch war.

Glück in seinem Unglück hatte Tschaikowski allerdings insofern, als ihm Nadeshda von Meck, die vermögende Witwe eines Eisenbahnunternehmers, ab Herbst 1877 auf Jahre hinaus ein Privatstipendium gewährte. Damit ermöglichte sie ihm, künftig als freier Komponist über die Runden zu kommen. Ihr hat der Komponist nicht nur ausführlich das Programm seiner vierten Symphonie offengelegt. Nadeshda von Meck ist diese Symphonie gewidmet, die im Februar 1878 schließlich zur Uraufführung kam.

Schicksalsfanfare en detail – sich im 4. an den 1. Satz erinnern

Zum Einstieg in diese Vierte empfehle ich Dir zwei Stellen, an denen die oben genannte Schicksalsfanfare auftaucht. Hör Dir mal an, wie Tschaikowski jeweils aus dieser Fanfare herausfindet.

Im ersten Satz lässt er sie allmählich verklingen. Darauf folgt eine kurze Überleitung (im Video oben ab Minute 1:24). Und dann hören wir eine raffiniert rhythmisierte Walzerstudie. Ab 5:36 beginnt ein neues Thema, ein »Tagtraum«, wie Tschaikowski an von Meck schrieb, in der musikalischen Gestalt einer sanften Walzerfantasie.

Die Affektregie ist eigentlich selbsterklärend. Nach diesem Walzer wird’s wieder dramatisch. Und bei Minute 9:06 wird der Tagtraum von der Realität eingeholt, welche konkret auch immer das wäre. Die Bläserfanfare vom Anfang ist hier jedenfalls unverkennbar.

Interessant ist ein Vergleich mit dem Schlusssatz: Nach ellenlanger Vorankündigung hören wir ab Minute 40:18 diese Fanfare erneut, wie sie ähnlich auch am Beginn der Symphonie zu hören war.

Vielleicht erinnerst Du Dich, während Du Dir das anhörst, an die Überleitung, wie sie im ersten Satz komponiert war. Und womöglich erwartest Du nachher wieder die passionierte Walzerstudie aus dem ersten Satz.

Wer auf ebendiese leidenschaftlich schöne Stelle aus dem ersten Satz hofft, wird enttäuscht, aber auf nette Art. Im Brief an Nadeshda von Meck hat der Komponist dem symphonischen Ich dieses vierten Satzes geraten, sich an der Freude anderer zu freuen, um sich von der eigenen Schwermut nicht unterkriegen zu lassen.

Und hier nach dem Hereinbrechen des Schicksalsmotivs in den virtuos krachenden Trubel dieses Schlusssatzes scheint Tschaikowskis Strategie tadellos zu funktionieren: Mit geradezu diebischer Freude, die auch dem Dirigenten förmlich ins Gesicht geschrieben steht, leitet Tschaikowski über auf die Schlussgerade dieser Symphonie.

Walzerschmerz und -schmelz des ersten Satzes sind vergessen. Wir sind hier schließlich im Finale…

Was wir hören, wenn wir klassische Musik hören

So wie Tschaikowski an dieser Stelle mit unseren Hörerwartungen spielt, so läuft das eigentlich immer oder jedenfalls sehr häufig in klassischen Musikstücken. Sie zehren von einem Formenkanon, der die Hör-Erwartungen des Publikums strukturiert. Der Witz liegt dann oft an den Stellen, an denen Komponist:innen mit unseren – uns bewussten? – Vorannahmen spielen, sie unterlaufen oder ihnen ein Bein stellen.

Am Ende von Tschaikowskis Vierter im obigen Video dauert es nicht lange, und das Publikum klatscht nicht nur, sondern bietet stehende Ovationen. Es ist in dieser Symphonie leicht, sich mitreißen zu lassen. Die ganze Komposition ist eingängig und schön. Und das Finale ist ein echter Kracher.

Dass die Schicksalsfanfare, die man so nicht nennen muss, im Schlusssatz wieder auftaucht, ist ein Geschenk des Komponisten an uns Hörer:innen. Es erinnert uns daran, uns zu erinnern: Wie war das nochmal am Anfang der Symphonie?

Die Dramaturgie ist absolut schlüssig. Denn Tschaikowski lässt uns ausreichend Zeit, uns zu erinnern. Und er lässt uns Zeit genug, um, sofern wir uns erinnern können, innerlich den Unterschied zum ersten Satz zu hören, wahrzunehmen und in all seinen Facetten zu erleben. Wird schon werden…

Wenn juckt’s, wenn jetzt ein Handy klingelt?

Der biographische Hintergrund zu dieser Symphonie ist für alle, die bis hierhin mitgehört haben, wahrscheinlich ähnlich interessant oder uninteressant wie Tschaikowskis oben zitiertes Programm.

Sofern diese Musik uns emotional anspricht, nimmt sie uns mit auf eine hoffnungsvolle Achterbahnfahrt der Gefühle. Und die lebt ganz auch davon, welche Erinnerungen, Emotionen und Gefühle diese Musik in uns Hörer:innen weckt.

Oben im Video kannst Du das Konzert zum 60-jährigen Jubiläum des Oslo Philharmonic hören. Es war zugleich das erste unter Mariss Jansons als dortiger Chefdirigent. Er dirigiert sensationell, präzise, energisch, elegant: und mit der für ihn so typischen Freude in der Mimik. Wer das Video bis ganz zum Schluss schaut, hört eine kleine Überraschung…

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